Unsere Geschichte – Lutherisch im Ulmtal

Die St. Paulsgemeinde gehört heute zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK). Bis hierhin hat die Kirche Jesu Christi allerdings schon einen langen Weg zurückgelegt. Auf den Schultern der vielen Männer und Frauen, die uns im Glauben seit den Zeiten der Apostel vorangegangen sind, stehen wir heute

„Reformkatholiken“ im 16. Jahrhundert

Im 16. Jahrhundert ging die äußere Einheit der mittelalterlichen katholischen Kirche in Deutschland und darüber hinaus verloren, wie sie seit der ersten christlichen Mission durch vor allem irische und schottische Missionare in Deutschland existierte.

Was war das Selbstverständnis der Reformatoren, die später „Lutheraner“ genannt wurden? Sie verstanden sich als eine innerkatholische Reformbewegung, die die abendländische römisch–katholische Kirche wieder zu ihren Wurzeln und Quellen, nämlich der Heiligen Schrift und ihrem Herrn Jesus Christus zurückrufen wollte. Seit dem 13. und 14. Jahrhundert war der christliche Glaube immer stärker durch Aberglaube, halbheidnische Kulte, durch eine Verweltlichung der Kirche und ihrer Leiter und einer Verrechtlichung des theologischen Denkens überlagert und verdunkelt worden. Anstelle der unverdienten Gnade und Barmherzigkeit Gottes wurde Sündenvergebung und Erlösung zunehmend zur Handelsware, die man durch gute Werke, Opfer und handfeste Geldzahlungen (Ablässe) „erwerben“ konnte. Die Zeit war reif für eine grundlegende Reformation, eine Erneuerung der Kirche auf den alten Fundamenten des katholischen und apostolischen Glaubens.

Das Bekenntnis von Augsburg

1530 legten die theologischen Lehrer dieser innerkatholischen Reformbewegung Kaiser Karl V. auf dem Reichstag von Augsburg ihr danach benanntes „Augsburgisches Bekenntnis“ vor.

Dieses Grundbekenntnis war nicht die Gründungsurkunde einer neuen Kirche, sondern die Darstellung biblisch–katholischer Lehre des allgemeinen christlichen Glaubens. Im Abschluss des ersten Teils der insgesamt 28 Artikel heißt es ausdrücklich: „Weil nun diese Lehre in der Heiligen Schrift klar begründet ist und außerdem der allgemeinen katholischen, ja auch der römischen Kirche, soweit das aus den Schriften der Kirchenväter festzustellen ist, nicht widerspricht, meinen wir, dass unsere Gegner in den oben aufgeführten Artikeln mit uns nicht uneinig sein können.“

Bedauerlicherweise waren Papst und Kaiser nicht bereit, diese Glaubensartikel als Ausdruck des alten katholischen und christlichen Glaubens anzuerkennen und die erbetene Reform „an Haupt und Gliedern“ einzuleiten und durchzuführen. Die Wege trennten sich, so dass fortan zwei „Konfessionen“ auf deutschem Boden existierten. Diese getrennten Wege sind für uns schmerzhaft, da sie uns erneut vor Augen halten, wie sehr doch unsere sündhafte Existenz die Kirche beeinflusst. Besonders auf der Grundlage des Augsburgischen Bekenntnisses, ist für uns die Einheit in der Wahrheit anzustrebendes Ziel der Kirche heute!

Lutheraner und Reformierte (Calvinisten, Zwinglianer)

Das Augsburgische Bekenntnis von 1530, Luthers Katechismen und weitere Bekenntnisschriften, die im so genannten Konkordienbuch von 1580 gesammelt herausgegeben wurden, waren die Lehr– und Glaubensgrundlage der lutherischen Kirchen.

Sie unterscheiden sich von einigen zentralen calvinistischen Glaubensauffassungen in ganz erheblicher Weise. Das gilt für das Sakramentsverständnis, vor allem das Heilige Abendmahl, für die Christologie (Lehre von Christus), die Ekklesiologie (Lehre von der Kirche) und die Lehre vom Hirtenamt der Kirche.

Darum war es spätestens seit 1529 nach dem gescheiterten Einigungsversuch zwischen Luther und Zwingli beim sog. „Marburger Gespräch“ unausweichlich klar, dass es um der Eindeutigkeit der Wahrheit des Evangeliums willen keine Glaubens– und Bekenntnisgemeinschaft und darum auch keine Kirchengemeinschaft zwischen Lutheranern und zwinglianisch–calvinistischen Reformierten geben könne. „Ihr habt einen anderen Geist als wir“ – so trennte sich Luther in Marburg von Zwingli.

In den deutschen Staatsgebieten bestanden also lutherische und in einigen Regionen auch reformierte Kirchen nebeneinander auf demselben Territorium. Beide hatten ihr eigenes Bekenntnis, ihre eigenen Gottesdienstformen und Strukturen. Gemeinsam war ihnen in vielen Fällen das nominelle Kirchenoberhaupt in Form des Landesherrn. So konnte es sein, dass ein lutherischer Fürst auch oberster Kirchenherr einer reformierten Landeskirche war und umgekehrt.

Die kirchliche Lage im Ulmtal bis ins 19. Jahrhundert

Seit dem 14. Jahrhundert gehörte das Ulmtal zum Besitz der Grafen zu Solms–Braunfels. Bereits seit dem Jahr 1578 waren die Gemeinden im Ulmtal reformierten (calvinistischen) Bekenntnisses. Nach einem kurzen nassauschichen Zwischenspiel (1806–1815) wurde das Ulmtal im Zuge des Reichsdeputationshauptschlusses (1803) preußisch und blieb es bis 1945. Kirchlich bedeutete dies, dass die Gemeinden zur unierten preußischen Landeskirche gehörten. Das calvinistische Erbe trat hier deutlich zu Tage.

Staatskirche, Union und Lutherischer Widerstand in Preußen

Im 19. Jahrhundert war es vor allem der preußische König Friedrich Wilhelm III., der –zum Teil aus persönlicher Frömmigkeit, zum Teil aus staatspolitischem Machtkalkül und vor allem ohne jedes Verständnis für die tief greifenden Bekenntnisunterschiede zwischen Lutheranern und Reformierten die beiden Landeskirchen auf seinem Staatsgebiet zu einer protestantischen Einheitskirche vereinigen wollte. Da durch die Aufklärung und den bibelkritischen Rationalismus seiner Zeit auch viele Theologen und Christen in den Gemeinden kaum noch wussten, worin die Besonderheiten, Unterschiede und eben auch Unvereinbarkeiten zwischen lutherischem und calvinistischem Glauben bestanden, ließ sich diese Zwangsvereinigung zu einer sich seither „Evangelischen Kirche“ nennenden Unionskirche durchsetzen.

Besonders in Preußen kämpften jedoch zahlreiche lutherische Gemeinden und ihren Pfarrern, für den Erhalt der alten lutherischen Kirche.

Wie es den Reformatoren des 16. Jahrhunderts um den Erhalt bzw. die Wiederherstellung der alten, rechtgläubigen, katholischen Kirche ging, so ging es den Lutheranern in Preußen und anderswo um die Bewahrung der lutherischen Kirche als Fortsetzung der alten, rechtgläubigen, katholischen Kirche. König Friedrich Wilhelm III. begegnete diesem Widerstand mit staatlicher, teilweise auch militärischer Gewalt. Eine Auswanderungswelle nach Amerika und Australien war eine Folge davon. Aus diesen Auswandererkirchen sind heute große lutherische Kirchen erwachsen (z.B. die Lutheran Church–Missouri Synod in den USA oder die Lutheran Church–Canada).

Erst unter dem Nachfolger des „Unionskönigs“, seinem Sohn Friedrich Wilhelm IV., endete 1845 die Verfolgung der Lutheraner in Preußen.

Friedrich Brunn und die Neugründung einer lutherischen Gemeinde im Ulmtal

Durch die calvinistische Prägung und – so muss man es in den Chroniken lesen – einem weitgehenden kirchlichen Desinteresse hatte die preußische Union anfangs jedoch im Ulmtal keinen nennenswerten Widerstand erfahren. Erst 1878 kam es in Allendorf und Ulm aus den unterschiedlichsten Gründen zu einer großen Austrittswelle aus der evangelischen Landeskirche. Rund 90 Familien waren seither praktisch ohne Hirten und ohne kirchliche Bindung. Dieser „kirchlose“ Status konnte erst beendet werden, als ein Jahr später Kontakte zu Pfarrer Friedrich Brunn in Steeden (bei Limburg) hergestellt wurden. Dieser bot der führungslosen Herde wieder einen sicheren Grund. Brunn selbst war in Steeden bereits seit einigen Jahren Pfarrer einer lutherischen Gemeinde, die sich von den staatlichen Repressionen befreit hatte und der Ev.–Luth. Freikirche (eine Vorgängerkirche der heutigen SELK) beigetreten war.

Von Pfarrer Brunn nahmen die Gemeindeglieder das lutherische Bekenntnis an und gründeten so im Jahr 1880 eine eigene lutherische Gemeinde im Ulmtal. Die ersten Gottesdienste mussten noch in Privathäusern stattfinden, bevor 1881 in Allendorf die erste lutherische Kirche geweiht werden konnte. Als Seelsorger und Hirte diente der Gemeinde bereits ab 1880 Pfr. Karl Friedrich Ernst Hempfing. Ihm folgten bis dato neun berufene Pfarrer der St. Paulsgemeinde in Allendorf/Ulm.

Lutherische Kirche im Ulmtal heute

Von Anfang an ist die St. Paulsgemeinde die einzige lutherische Kirche im Ulmtal und der weiteren Umgebung. Zu ihr gehören heute rund 230 getaufte Gemeindeglieder. Nachdem 1973 ein neues Pfarrhaus gebaut wurde und das alte Kirchgebäude wegen der schlechten Bausubstanz abgerissen werden musste, wurde 1983 die neue Kirche geweiht. Weitere 10 Jahre später wurde noch eine große Sakristei angebaut. Besonders die Bautätigkeit der Gemeinde zeugt davon, dass der Gottesdienst tatsächlich im Zentrum des Gemeindelebens steht. Die große Kirche, an derer Ostseite sich der Altar befindet, ist als ein Haus Gottes gestaltet. Neben der hervorragenden Akustik ist alles auf den Altar als dem Thron Gottes ausgerichtet, auf dem unser Heiland unter der Gestalt von Brot und Wein Platz nimmt und sich den Gläubigen austeilt. Kanzel, Taufstein und Lesepult stammen noch aus der ehemaligen Kirche und vermögen so auch die Verbindung zur eigenen Gemeindegeschichte zu unterstreichen.

Die St. Paulsgemeinde bietet heute eine geistliche Heimat für alle, die den Glauben der Kirche und das lutherische Bekenntnis teilen, die Gottes Wort hören und die heiligen Sakramente empfangen wollen. Wir sind eine Kirche mit eindeutigem Standpunkt und einem klaren Profil, die moderne Menschen erreichen will, die sich auf das Fundament und den Boden der Heiligen Schrift und einer seit 2000 Jahren bewährten kirchlichen Lehre und gottesdienstlichen Liturgie stellen möchten. Jesus Christus und die eine, heilige, allgemeine (d.h. katholische) und apostolische Kirche sind bis heute der Garant für Lutherische Kirche im Ulmtal, die sich immer noch als reformkatholische Kirche versteht und den Glauben der Kirche aller Zeiten und Orte vertritt.

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